Die 100-Jahre-Passphrase

Wie man Passwörter erstellt, die selbst Quantencomputer verzweifeln lassen.

1. Warum "Sätze" besser sind als "Wörter"

Ein Angreifer kann mit herkömmlicher Hardware sehr viele Kombinationen pro Sekunde testen; ein künftiger Quantencomputer bräuchte beim Durchprobieren mit dem Grover-Algorithmus zwar quadratisch weniger Schritte, doch für die Schlüsselsuche bei AES erwartet das NIST davon «wenig oder keinen Vorteil» (NIST, PQC-FAQ). Ein kurzes Passwort wie Btc-2024! (9 Zeichen) ist zu schwach (EFF: «Computers are now fast enough to quickly guess passwords shorter than ten or so characters»). Ein langer Satz aus zufälligen Wörtern hingegen erzeugt sehr viele Möglichkeiten: Sechs Wörter aus der EFF-Liste ergeben rund 277, also etwa 221 Trilliarden Varianten (EFF). Mehr, als es Atome im Universum gibt (rund 1080, ProofWiki, Sekundärquelle), wären es erst ab 21 Wörtern.

Die Diceware-Methode (Übung)

Nehmt euch einen normalen Spielwürfel und eine Wortliste (z.B. die EFF-Liste). Würfelt für jedes Wort 5-mal (EFF).

Apfel + Tunnel + Wolke + Gitarre + Fernseher + Blau

Vorteil: Leicht zu merken, praktisch nicht zu erraten – sofern die Wörter zufällig aus der Liste gewürfelt sind (sechs Wörter: rund 221 Trilliarden Möglichkeiten).

Das Werkzeug: Die EFF-Wortliste

Warum nutzen wir nicht einfach unsere eigenen Wörter? Weil Menschen vorhersehbar sind. Wir wählen oft Wörter, die uns gerade umgeben. Ein Computer weiss das.

Die EFF-Liste ist eine Liste aus genau 7'776 Wörtern. Jedes Wort hat eine Nummer aus fünf Ziffern (von 11111 bis 66666; EFF 2016, Wortliste).

Beispiel-Auszug:
11111 - abacus (Abakus)
11112 - abdomen (Bauch)
...
43142 - overbuilt (überbaut)

Der Vorteil: Wenn wir würfeln, entscheiden nicht wir, sondern der physikalische Zufall. Gegen echten Zufall gibt es kein Muster, das ein Angreifer ausnutzen kann – auch ein Quantencomputer kann dann nur durchprobieren (Grover-Algorithmus, siehe oben).

Übungs-Checkliste für euch:

2. Die Quanten-Regeln für VeraCrypt & Co.

Regel #1: Die Länge gewinnt
Nutzt mindestens 6 zufällige Wörter. Das entspricht einer Entropie von über 77 Bit (jedes Wort rund 12.9 Bit, EFF 2016; Empfehlung mindestens sechs Wörter, EFF). Einschätzung der Redaktion: Wer eine Reserve für sehr lange Zeit will, nimmt 8–10 Wörter (rund 103 bis 129 Bit). «Quantenresistent» ist dabei kein Prüfsiegel: Das NIST erwartet vom Grover-Algorithmus beim Durchprobieren von AES-Schlüsseln «little or no advantage» (NIST, PQC-FAQ).
Regel #2: Keine Logik
Vermeidet Sätze, die Sinn ergeben (z.B. Ich-liebe-meinen-Hund-Bello). Angreifer nutzen "Wörterbuch-Attacken" — mit oder ohne Quantencomputer. Nutzt Wörter, die keine logische Verbindung haben.
Regel #3: Trennzeichen
Verwendet Bindestriche oder Leerzeichen zwischen den Wörtern. Das erhöht die Lesbarkeit für euch. Mehr Sicherheit bringt ein festes Trennzeichen kaum, weil ein Angreifer es mitprobieren kann – die Stärke kommt aus der Zahl der zufällig gewürfelten Wörter.
Wichtiger Hinweis zur Aufbewahrung

Eine quantensichere Passphrase ist nutzlos, wenn ihr sie vergesst. Schreibt sie auf ein Blatt Papier und legt es in einen physischen Safe oder nutzt ein Backup-System wie eine Stahlplatte (Steel-Wallet), wenn es um eure Bitcoin-Wiederherstellung geht.